"Es ist leicht, so zu tun, als könne niemand etwas verändern, als befänden wir uns in einer Welt, in der die Gesellschaft riesig und das Individuum weniger als nichts ist: ein Atom in einer Wand, ein Reiskorn in einem Reisfeld. Aber die Wahrheit ist, dass Individuen ihre Welt immer wieder verändern, Individuen machen die Zukunft, und sie tun es, indem sie sich vorstellen, dass die Dinge anders sein können." 

Neil Gaiman

Fuchsklinge im Remstaler Süden: Waldstück im typischen Remstal-Nebel, bei der Fuchsklinge im Remshaldener Süden
Waldstück im typischen Remstal-Nebel, bei der Fuchsklinge im Remshaldener Süden

Was wäre wenn?

Die ZZG entwickelt positive Ideen für die Zukunft, denn erst wenn wir eine Vorstellung davon haben, was eine bessere Welt ausmacht, können wir anfangen Perspektiven zu entwickeln, wie der Weg dorthin aussehen könnte und daran arbeiten, etwas davon zu verwirklichen. Was für Ideen hast du, wenn du dir die Frage stellst: "Was wäre wenn?" Hier findest du ein paar Antworten von uns und wir würden uns freuen, deine zu hören.

Was wäre, wenn zum Beispiel soziale Berufe einen ganz anderen Stellenwert hätten?

In unserer Gesellschaft werden Bankmanager*Innen oder Werbefachleute besser honoriert, als zum Beispiel Erzieher*Innen oder Pfleger*Innen. Warum ist das so? Schätzen wir die Menschen, die auf unser Geld aufpassen wirklich mehr, als die, die sich um unsere Kinder und pflegebedürftigen Eltern kümmern? Eine britische Studie hat ergeben, dass durch Berufe, wie Erzieher*Innen oder Reinigungskräfte in Hospitälern, ein Plus an gesellschaftlichem Wert entsteht. So generiert eine Krankenhausputzkraft für jedes £ das man ihr bezahlt, einen gesellschaftlichen Wert von 10£, denn ihre Arbeit hilft effektiv bei der Vermeidung von Krankheiten und deren Verbreitung. Erzieher*Innen generieren einen Wert zwischen 7£ und 9,5£, denn wie viele von uns erfahren durften, ermöglichen sie nicht nur Eltern zu arbeiten, sondern sie erschließen auch Vorteile für die Kinder: Lernen zu können und außerhalb des Elternhauses in einem sozial stabilen Umfeld aufzuwachsen.

Wie wäre es, wenn wir hier damit anfangen, Menschen, die sich um unsere Kinder und unsere Senioren kümmern, die unseren Müll recyceln und dafür sorgen, dass es sauber ist oder die Handwerklich etwas bewerkstelligen können, den Respekt und die Wertschätzung zu geben, die eine systemrelevante Aufgabe verdient? Vielleicht gäbe es weniger Neid, Konkurrenz, Stress und Angst? Vielleicht wäre das ansteckend?

Was wäre, wenn wir das Wichtigste zu Fuß erreichen?

Etwas, was dieser Idee ziemlich nahe kommt, sind die "Superblöcke" in Barcelona: Weniger Autos, dafür 30% mehr lokaler Handel. Klingt verrückt, ist aber wahr. Die Idee ist ganz einfach, wenn auch nicht so leicht umzusetzen: In einem Quartier werden je neun Häuserblocks zu einem Superblock zusammengefaßt. In dieser Zone haben Fußgänger und Fahrräder Vorfahrt und das Tempolimit liegt in den verbliebenen Einbahnstraßen bei 10 km/h. Zumindest da, wo Autoverkehr nicht grundsätzlich verboten ist. Hochbeete, Blumenkübel und Bäumen erobern die Straßen. Auf ehemaligen Kreuzungen entstehen Spiel- und Bolzplätze. Und die Folgen: Die Straßen werden zum erweiterten Wohnzimmer. Kinderlachen statt Autolärm, frische Luft, statt Abgase und entspannte Anwohnern, die miteinander ins Gespräch kommen, um zu überlegen, was man im Viertel noch verbessern kann. Kurze Wege sorgen dafür, dass das Auto in der Garage bleibt, denn der vitale Einzelhandel bietet, weitgehend ohne Discounter und Vollsortimenter, alles, was man für den täglichen Bedarf braucht und mehr. Natürlich sind auch Schulen und Kitas fußläufig zu erreichen und das Ideal ist, im Superblock zu wohnen und zu arbeiten. Mit der gestiegenen Akzeptanz für das Homeoffice, ist das alles andere als selten geworden. Über 500 solcher Blöcke sollen in Barcelona entstehen und Stadtentwickler rechnen vor, dass dadurch 60% der Verkehrsfläche frei wird. Aber das Interessantestes ist: Nach den ersten Piloten ist klar: Dass Barcelona jetzt völlig umstrukturiert wird, findet breite Zustimmung unter den Bürgern.

Was wäre, wenn man überall im Remstal nachts alle Sterne sehen könnte?

Überall dort, wo es nachts beleuchtet ist, geht das leider nicht. Nicht nur, weil wir so die Sterne nicht immer sehen können, sondern auch z.B. zum Schutz der Arten, ist die Vermeidung von Lichtverschmutzung ein wichtiges Thema geworden. Also was wäre, wenn wir nicht nur wieder lernen könnten, mit etwas mehr Dunkelheit zu leben, sondern sogar das zu genießen? Wenigstens ein paar Mal im Jahr?

Was wäre, wenn es in Remshalden ein offenes Werkstatthaus gäbe?

Tatsächlich ist das eine unserer Lieblingsideen, weil sich so viele der Werte, die für uns wichtig sind, hier vereinen ließen. Nehmen wir an, wir fänden einen Ort dafür, den wir nicht nur mit einer Werkstatt, sondern vielleicht auch mit einem kleinen Café und einem Garten ausstatten könnten?

Bürger würden vielleicht Werkzeug spenden oder als ständige Leihgabe einbringen, so dass nicht jeder teure Geräte selbst anschaffen muss oder billige, die nur eine kurze Lebensdauer haben und dann auf dem Müll landen (Sharing)? Und dann gibt es die Menschen, die wissen, wie man mit solchen Werkzeugen umgeht. Andere lernen von ihnen etwas zu reparieren oder selbst zu bauen und so wird plötzlich für Viele etwas möglich, weil andere ihre Fähigkeiten teilen (Repair Café, Upcycling, Maker, Skill Sharing). Natürlich wäre jeder willkommen, der etwas beitragen möchte oder Hilfe bräuchte; Stichwort Inklusion. Und das Haus wäre ein offener Raum, in dem sich Remshaldener Bürger*Innen über ihre Anliegen austauschen und vielleicht das ein oder andere: "Was wäre wenn Projekt" seinen Anfang nimmt.

Was wäre, wenn ein guter Teil des Geldes, dass in Remstal ausgegeben wird, auch im Remstal bliebe?

Das klingt jetzt wie übertriebener Lokalpatriotismus, aber tatsächlich steckt eine gute Idee dahinter. Wie wäre es also, wenn es in Remshalden einen Regioladen gäbe, mit Produkten und vor allem Nahrungsmitteln, die nicht weiter weg erzeugt werden, als man an einem Tag wandern kann? Wir würden die Erzeuger in unserer Region besser kennen, ihre Arbeit und Produkte besser wertschätzen und sie würden uns besser kennen lernen und unsere Vorlieben. So könnten sie ihre Waren und Dienstleistungen für ihre hiesigen Kunden optimieren. Wir würden die lokale Wirtschaft damit stärken und gleichzeitig den CO2 Fußabdruck verkleinern. Durch die gestärkten Unternehmen fließen außerdem mehr Steuern in die Kasse der Gemeinde, was wieder uns allen zugute kommt. Schon ein Remstäler Produktkatalog wäre für den Anfang toll. Schwere Waren lokal handeln und leichte Waren, wie Software, aber vor allem gute Ideen, dürfen gerne weit reisen.

Was wäre, wenn unsere Kinder sich gefahrlos auf der Straße zum Spielen verabreden könnten?

Natürlich gibt es solche Straßen in Remshalden, wo Kinder praktisch das ganze Jahr auf der Straße spielen können, viel eher, als in einer Großstadt, aber es sind über die Jahre sehr viel weniger geworden. Also wie wäre es, wenn Nachbarn in jeder Straße, ein paar Mal im Jahr die Bierbänke raus stellen und sich zusammensetzen würden? Jeder bringt etwas zum Essen mit und der Rest der Straße gehört den Kindern, wo Inliner, Skateboards, Roller, Ein-, Zwei und Dreiräder den Raum erobern, der sonst den Autos vorbehalten ist? Wer kann sich noch an die autofreien Sonntage in der Zeit der Ölkrise erinnern? Das Tal würde so still werden, wie seit fünfzig Jahren nicht mehr und wir könnten einen Tag lang uneingeschränkt den Vögeln beim Singen zuhören. Und natürlich: Auch für's Klima wäre es gut.

Was wäre, wenn wir in Remshalden kein Auto zum Einkaufen bräuchten?

Zugegeben, dazu müssten viele Dinge passieren. Aber wenn wir nicht wollen, dass sich der lokale Einzelhandel zu einem tristen Paketshop entwickelt, in dem nur das Logo auf den Paketen Grund hat zu lächeln, sollten wir unbedingt darüber nachdenken! Zunächst bräuchten wir eine lokale Einzelhandelsstruktur, die mit anderen Verkehrsmitteln erreichbar wäre, als mit dem Auto und ein Angebot, das nicht nur aus Discountern besteht. Wichtig wäre dann vor allem, ein öffentliches Nahverkehrsangebot, das einigermaßen flexibel genutzt werden kann. Das mit höherer Frequenz mehr Orte miteinander verbindet als bisher. Seien wir ehrlich: Das aktuelle Angebot wird, egal wie günstig man es macht, nur von den Menschen genutzt, die keine andere Alternative haben. Das nächste wäre die Infrastruktur für Elektrofahrräder und -roller zu verbessern. Mehr Radwege, Schnellradwege und Ladestationen, aber auch eine Anschaffungsprämie, wie sie in manchen Kommunen üblich ist, wäre gut. Das Ergebnis wäre ein Haufen Menschen auf Rädern und in Bussen und Bahnen, die sich wieder eher begegnen und weniger CO2 produzieren, sowie ein vitaler, lokaler Handel und womöglich etwas weniger Bauchfett, sobald wir die Masken wieder abnehmen dürfen.

Was wäre, wenn wir uns noch mehr dafür interessieren würden, was mit unserem Müll passiert?

In 2018 hat Deutschland mehr Müll exportiert als Maschinen. Obwohl wir in Deutschland Müll trennen und dadurch der Eindruck entsteht, dass wir sorgsam mit unseren Wertstoffen umgehen, häufen sich die Berichte, dass deutscher Müll in den Meeren oder auf Deponien in weniger entwickelten Ländern landet und dass der Großteil des Plastikmülls, statt recycled zu werden, verbrannt wird. Aber was passiert mit dem Müll aus der Tonne, die wir vor dem Haus haben? Abfallwirtschaft wird kommunal organisiert. Wir könnten uns für unsere lokale Abfallwirtschaft interessieren, die einen wichtigen Job für uns und die Umwelt erledigt. Vielleicht könnten wir etwas lernen, welchen Müll wir besser vermeiden, da z.B. gar nicht alles Plastik recycled werden kann und was mit unserem Müll hier vor Ort tatsächlich passiert?

Was wäre, wenn die Gartenschau einfach nicht aufgehört hätte?

Die Vision war ein "unendlicher Garten" ein "neues Wir-Gefühl". "Auf einer Länge von 80 Kilometern wurde ein ganzer Landschaftsraum für die Remstal Gartenschau 2019 und weit darüber hinaus in Szene gesetzt und durch zahlreiche Maßnahmen und bürgerliches Engagement aufgewertet: die Renaturierung der Lebensader Rems,  tolle Spielplätze und Kugelbahnen, neu gestaltete Park- und Freizeitanlagen, herausgeputzte Innenstädte, attraktive Rastplätze mit Sitzgelegenheiten am Wasser, über 200 Blühflächen für Bienen und viele weitere Projekte."

Vieles davon ist auch nach zwei Jahren erhalten geblieben, aber es wäre unrealistisch zu behaupten, dass der "Unendliche Garten" auch unendlich fortbesteht und die Begegnungen und das bürgerliche Engagement im Tal auf ähnlichem Niveau Bestand hat.

Etwa zum selben Zeitpunkt wie der Start der Remstal Gartenschau, ist ein anderes, aber nicht unähnliches Projekt und ein großer Traum Wirklichkeit geworden: Seit dem 22. Juli 2019 ist London offiziell der erste urbane Nationalpark der Welt und das ist gelungen, weil ein Mensch (Daniel Raven-Ellison) die Idee in die Welt gesetzt hat und dafür bei den Londoner Bürgern und der Verwaltung der Stadt riesige Unterstützung bekommen hat: „Mehr als 250 Organisationen in London beteiligen sich. Neun von zehn Londonern unterstützen unser Ziel, die Stadt grüner, gesünder und wilder zu machen“, so Raven-Ellison.

Nun ist das Remstal nicht London, aber das Potential aus dem zeitlich begrenzten, unendlichen Garten einen unbegrenzten, unendlichen Garten zu machen, ist groß und nicht alles, was dafür notwendig wäre, wäre teuer. Zum Beispiel: Öffentliche Grünflächen, die gemeinschaftlich bepflanzt werden, Remstalweite Rad-, Wander oder Kanutage, Kunstaktionen in den entstandenen Pavillons und Plätze. Bürger, die ihre Gärten wildtier- und insektenfreundlich gestalten, vielfältig blühende Wiesen und was uns sonst noch einfällt, um den Zusammenhalt und die Natur im Remstal zu stärken.

Was wäre, wenn es in Remstal nur Remstäler gäbe?

Das ist jetzt anders gemeint, als es sich vielleicht liest, denn es geht nicht darum Menschen auszuschließen. Sondern: Nicht jeder weiß, dass Stuttgart ein Beispiel für gelungene Integration ist und sogar die New York Times dazu berichtete. Das geht zum Teil noch auf den ehemaligen Bürgermeister Wolfgang Schuster zurück, der beschlossen hatte, dass es in Stuttgart keine Ausländer gibt, nur Stuttgarter. Er löste das Amt des Ausländerbeauftragten auf und schmiedete stattdessen das Bündnis für Integration.

Auf den Seiten der Landeshauptstadt liest man dazu: "In Stuttgart ist man sich bewusst, dass die eingewanderten Mitbürgerinnen und Mitbürger ganz entscheidend beitragen zum Wohlstand und zur hohen Lebensqualität, welche die Menschen in und um Baden‐Württembergs Hauptstadt genießen."

Die Grundlage von gelungener Integration bilden Wertschätzung, Respekt und Vertrauen und das entsteht vor allem, wenn man miteinander in Kontakt kommt. Was wäre, wenn bei uns und überall Migranten und Geflüchtete ohne Hürden überwinden zu müssen, am öffentliche Leben teilnehmen könnten? Wenn wir sie einladen würden, sich daran zu beteiligen, indem wir auf sie zugehen und ihnen zeigen, dass sie nicht nur willkommen, sondern ein Teil unserer Gemeinschaft sind?

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